

AUFGABE UND ORT
Architektur in Metropolen
Metropolen stehen heute vor Aufgaben nachhaltiger Stadtentwicklung. Das Modell der Drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung’ fordert als politisches Theorem die Soziale, Ökonomische und Ökologische Ausgewogenheit. Architekten haben die Aufgabe Gebäude zu entwickeln, die konzeptionell überzeugend, funktional durchdacht und atmosphärisch anmutend sind; und die sich im urbanen Kontext integrativ situieren.
Wie lassen sich diese Ziele in einer zukunftsweisenden Architektur vereinen?
Mit dem Entwurf ‚Haus der Zukunft’ soll in diesem Sinne ein Stück nachhaltige Architektur entstehen.
Die Stadt Istanbul
Istanbul liegt als weltweit einzige Metropole auf zwei Kontinenten an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien und ist eine der ältesten noch bestehenden Städte. Auf der Schwelle zwischen Orient und Oxident bildet sie einen Schmelztiegel der Kulturen und des Wissens. Aufgrund ihrer günstigen geografischen Lage ist Istanbul seit Jahrhunderten ein bedeutendes Handelszentrum und zieht zahlreiche Bewohner an. Durch den Zuwachs der vergangenen Jahrzehnte hat sich die Stadt bereits deutlich ausgedehnt. Der prognostizierte zunehmende Anstieg der Bevölkerungszahlen erfordert eine gezielte Planung und Ideen für die Umsetzung. In den aktuellen Diskussionen zur Stadterweiterung wird eine ‚polyzentrische Entwicklung’ angestrebt. Danach scheint es sinnvoll, ‚Sub-Zentren’ zu stärken und neue Orte kultureller und wissensbasierter Praxis einzurichten.
Derzeit befindet sich die Mehrzahl der Arbeitsplätze auf der europäischen Seite der Stadt, was täglich zu Transportschwierigkeiten führt. Es besteht weitgehend eine Teilung zwischen Wohnen und Produktion auf der anatolischen Seite des Bosporus und Handel, Kultur und Wissen auf der europäischen Seite. Im Norden der Stadt, in Richtung des Schwarzen Meeres, befindet sich das Trinkwasser und Frischluftreservoir der Metropole. Dieses soll nach Möglichkeit von weiterer Besiedlung frei bleiben.
Mit einer neuen kulturellen Institution auf der anatolischen Seite soll dieser Wettbewerb eine punktuelle Setzung vornehmen und dazu beitragen, den Schwerpunkt der Metropole im polyzentrischen Sinne zu verlagern.
Das Gebiet Haydarpaşa


Das Gebiet Haydarpaşa liegt auf der anatolischen Seite Istanbuls an der Mündung des Bosporus ins Marmarameer.
Der Bahnhof Haydarpasa bildet sowohl stadtmorphologisch, architektonisch, als auch kulturgeschichtlich ein ‚Tor zur Stadt’. Seit 1908 ermöglicht er den Anschluss an Bagdad auf Schienen. Für viele anatolische Einwanderer war der Bahnhof der erste Ankunftsort und ist dadurch im gemeinschaftlichen Gedächtnis verankert. Durch seine prominente Lage unmittelbar am Wasser und seine voluminöse Gestalt wirkt er als Landmarke und ist deutlich von der europäischen Seite, von Teilen des Haliç (Goldenes Horn) und Beyoğlus (Pera, Galata), zu erkennen.
Die kleine Bucht hat als Drehscheibe des Personen- und Gütertransports lokale und regionale Bedeutung. Südlich des Bahnhofs befindet sich ein Umschlagplatz mit Fähranlegern, die für viele Tagespendler die Verbindung zur europäischen Seite herstellen, Dolmuş Station (Busbahnhof) mit Verbindung ins Landesinnere, Märkten, Flaniermeile mit Kiosken, Straßenverkäufern, Cafes und Aussichtspunkten, etc. Nördlich des Bahnhofs befindet sich der innerstädtische Containerhafen, der auf lange Sicht umgesiedelt und durch Wohn- und Geschäftsnutzungen ersetzt werden soll. Die südwestlich angrenzenden Wohn- und Geschäftsviertel der Gründerzeit, Kadıköy und Moda, bilden mit ihren zahlreichen Kneipen und Restaurants, Buchläden und Kinos kulturelle Sub-Zentren.
In den kommenden Jahren wird der Haydarpaşa Bahnhof durch eine Metrolinie einige 100 Meter im Landesinneren, sowie durch einen Bahnhof einige Kilometer südwestlich in seiner Funktion ‚ersetzt’ werden. Er bleibt jedoch durch einen Shuttle als symbolischer Ankunftsort erhalten. Die Fährverbindungen sollen durch einen Tunnel mit Metrolinie ergänzt werden, sodass das gesamte Stadtgebiet Kadıköy stärker an das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum auf der europäischen Seite angeschlossen würde .
Das Gebiet Haydarpaşa befindet sich aktuell in einer Transformationsphase und bietet gute Chancen für eine nachhaltige Stadtentwicklung.
Aufgabe
Das ‘Haus der Zukunft’ wird in der Hafenbucht von Haydarpasa, Istanbul lokalisiert. Programmatisch bildet der Entwurf einen Hybrid aus Funktionen der Bereiche Wissen, Kultur und Kommunikation. Das Gebäude soll als ein öffentlicher Ort interkulturellen Austausches für internationale Organisationen, Studenten und Bewohner der Stadt verstanden werden. Somit beschäftigt sich das Projekt mit der Europäischen Frage, wie sie auf der politischen Agenda heutiger EU Staaten und seiner Anwärter steht – und entwickelt dazu architektonische Positionen.
Hintergrund
Historisch knüpft das Projekt an den Wettbewerb ‚Haus der Freundschaft Konstantinopels’ an. 1916 wurde vom Deutschen Werkbund und der Deutsch-Türkischen Vereinigung ein Wettbewerb ausgelobt, der dem politischen Ziel kultureller Verständigung der beiden Länder folgte. Peter Behrens gewann den Wettbewerb, das Projekt wurde jedoch nie realisiert.
Das ‘Haus der Zukunft’ vergegenwärtigt die Idee eines gemeinsamen Kulturellen Zentrums Europas und Asiens und entwickelt neue Positionen als Antwort auf die aktuellen Entwicklungen und Diskussionen der Stadt, als auch für die europäische Dimension.
Das Grundstück Haydarpaşa


Das ausgewählte Grundstück am Pier von Haydarpaşa umfasst ca. 6000 m². Es positioniert sich in zentraler Lage der Bucht zwischen dem Bahnhof Haydarpaşa, den Kadıköy Fähranlegern an der stark frequentierten Strasse.
Das Grundstück wird nördlich begrenzt durch einen kleinen Kanal mit gegenüberliegender Fischfabrik und Dolmuş Parkplätzen. Östlich wird es flankiert von einer Dolmuş Station (Busbahnhof) und südwestlich gerahmt von einer Promenade, die sich in südliche Richtung bis zur Mole streckt und in nördlicher Richtung bis zum Bahnhof ausgebaut werden soll.
Die Promenade ist wichtiger Bestandteil des Grundstücks – sie bietet nicht nur den öffentlichen Zugang zum Wasser, sondern ist Bestanteil des vitalen urbanen Lebens der Bucht. Sie soll als öffentlicher Raum beibehalten und in den Entwurf integriert werden.
Die Zufahrt und Anlieferung erfolgt über die Strasse. Es soll eine Situation geschaffen werden, die eine Vorfahrt mit dem Auto erlaubt. Es werden keine gesonderten Parkmöglichkeiten verlangt.
Licht
Dem Entwurf soll eine besondere Beachtung der Erzeugung von Atmosphären durch Licht zukommen. Wünschenswert sind innovative und gestalterisch überzeugende Konzepte, die – zu Themen wie Lichtlenkung im Gebäudeinneren, Lichtleitsysteme, Fassade mit Licht, Licht in der Landschaft oder bei der Innenraumgestaltung – neue und spannende Ideen liefern und so das ‚Haus der Zukunft’ zu einem ‚Leuchtturm nachhaltiger Architektur’ avancieren. Es ist besonders zu berücksichtigen, dass das verwendete Licht 1. die Architektur im richtigen Maße beleuchtet aber auch Spannung und Akzente setzt, 2. aus Helligkeit und Farbe besteht und beide Elemente bewusst eingesetzt werden, um das Wohlbefinden des Menschen in seinem jeweiligen Umfeld zu steigern, 3. mehr Lebensqualität sowohl für die Nutzer im Gebäude als auch außerhalb des Gebäudes erzeugt.
Bei der Verwendung der gewählten Lichtelemente /-instrumente ist besonders auf den sparsamen Umgang von Energie und deren Nachhaltigkeit zu achten.
Die Verwendung der Farbe Weiß und deren verschiedensten Abstufungen (gekennzeichnet durch die Farbtemperatur) ist besonders geeignet das Wohlbefinden aktiv zu beeinflussen und zu fördern. Ein weiteres Augenmerk ist auf die Wirkung des Gebäudes auf seine Umwelt zu legen. Die bewusste Verwendung von Lichtfarben in den Innenräumen und seiner Wechselwirkung auf den Außenraum ist besonders zu beachten. Es können hierbei auch die verschiedenen Tageslichtstimmungen sowohl am Tag als auch in den Jahreszeiten einen Einfluss auf die Innenraumbeleuchtung in Betracht gezogen werden.


